Warum die kürzeste Route selten die beste Route ist

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In einfachsten Modellen lässt sich Tourenplanung auf eine scheinbar klare Aufgabe reduzieren: Mehrere Stopps sollen in einer möglichst günstigen Reihenfolge angefahren und die dabei zurückgelegte Strecke minimiert werden. Für reale Transportnetze greift dieser Ansatz jedoch zu kurz. Eine Route kann auf der Karte kompakt wirken und dennoch ungeeignet sein, wenn sie enge Lieferzeitfenster verletzt, zu einer ungünstigen Tageszeit durch stark belastete Verkehrsabschnitte führt oder nicht zu den Kapazitäten und Einsatzbedingungen des vorgesehenen Fahrzeugs passt. Auch eine geringe Kilometerzahl sagt deshalb zunächst wenig darüber aus, ob sich eine Tour wirtschaftlich, ökologisch und zuverlässig ausführen lässt.

Hinzu kommt, dass die einzelnen Anforderungen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Wird ein Auftrag einem anderen Fahrzeug zugeordnet, verändert dies möglicherweise dessen Auslastung, die Reihenfolge weiterer Stopps und die Einhaltung nachgelagerter Zeitfenster. Wird eine Abfahrt verschoben, kann sich die erwartete Verkehrslage auf mehreren Streckenabschnitten ändern. Soll zusätzlich die Zahl der eingesetzten Fahrzeuge reduziert werden, entstehen längere Touren, die wiederum mit Arbeitszeiten, Fahrzeugreichweiten oder Servicevorgaben kollidieren können. Bereits kleine Eingriffe in die Planung wirken sich damit häufig auf den gesamten Tourenverbund aus.

Die zentrale Aufgabe moderner Tourenplanung besteht daher nicht darin, eine einzelne Zielgröße konsequent zu minimieren. Sie muss unterschiedliche Vorgaben und kundenspezifische Prioritäten gegeneinander abwägen und daraus einen Plan entwickeln, der unter den konkreten Bedingungen des Betriebs umsetzbar bleibt. Je größer und komplexer das Auftragsvolumen, das Liefergebiet und die Fahrzeugflotte werden, desto wichtiger ist diese ganzheitliche Betrachtung. Ein mathematisch kurzer Weg ist erst dann eine gute Tour, wenn er auch zu den vorgegebenen Zeiten, verfügbaren Fahrzeugen und zu den vereinbarten Leistungen passt.

Lkw-Fahrer öffnet die Fahrzeugtür

Verkehr hat eine zeitliche Dimension

Verkehrsdaten gehören heute selbstverständlich zur Routenplanung. Dennoch bleibt ihre Aussagekraft begrenzt, wenn sie lediglich die aktuelle Situation abbilden. Eine Tour, die am frühen Morgen startet, erreicht einen bestimmten Autobahnabschnitt möglicherweise erst mehrere Stunden später. Der momentan freie Streckenverlauf sagt dann wenig darüber aus, ob das Fahrzeug dort zur erwarteten Durchfahrtszeit ebenfalls ohne Verzögerung vorankommt. Für eine belastbare Planung ist deshalb nicht nur entscheidend, wo Verkehr entsteht, sondern auch, um wieviel Uhr mit ihm zu rechnen ist, und was für einen Effekt das auf die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit das hat.

Historische und prognostizierte Verkehrsprofile erweitern die Planung um genau diese zeitliche Dimension. Sie berücksichtigen wiederkehrende Muster, etwa typische Belastungsspitzen im morgendlichen und nachmittäglichen Berufsverkehr, regelmäßig stockenden Verkehr an bestimmten Wochentagen oder saisonale Schwankungen in einzelnen Regionen. Dadurch lassen sich Fahrzeiten nicht nur anhand der aktuellen Lage schätzen, sondern auf den voraussichtlichen Tourverlauf beziehen. Eine Strecke, die nach Kilometern kürzer ist, kann unter diesen Bedingungen deutlich mehr Zeit beanspruchen als eine etwas längere Alternative.

Diese Unterschiede wirken sich nicht nur auf die Ankunft an einem einzelnen Stopp aus. Bereits eine geringe Verzögerung zu Beginn der Tour kann dazu führen, dass nachfolgende Lieferzeitfenster verfehlt oder zusätzliche Fahrzeuge erforderlich werden. Verkehr ist damit kein isolierter Risikofaktor, sondern Grundlage für die gesamte Stabilität einer Planung. Je enger die Zeitfenster und je höher die Zahl der Stopps, desto stärker können sich kleine Abweichungen im weiteren Verlauf fortsetzen.

Moderne Tourenplanung muss Verkehrsverläufe deshalb als dynamische Größe behandeln. Sie bewertet nicht nur die geografische Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern auch den Zeitpunkt, zu dem diese Verbindung genutzt wird. Erst dadurch entsteht eine realistische Grundlage für Touren, die nicht nur im Planungssystem funktionieren, sondern auch unter den tatsächlichen Bedingungen auf der Straße belastbar bleiben.

Effizienz endet nicht an der Bezirksgrenze

Viele Transportnetze sind in klar abgegrenzte Bezirke oder Zustellgebiete unterteilt. Diese Struktur schafft operative Planbarkeit, erleichtert die Zuordnung von Verantwortlichkeiten und sorgt dafür, dass Fahrerinnen und Fahrer mit den Gegebenheiten in ihren Regionen vertraut bleiben. Gleichzeitig kann eine zu starre Gebietslogik jedoch verhindern, dass Aufträge dort eingeplant werden, wo sie sich am effizientesten in bestehende Touren integrieren lassen. Besonders an den Grenzen benachbarter Bezirke entstehen dadurch Umwege, zusätzliche Fahrzeugeinsätze oder unausgewogene Auslastungen, obwohl freie Kapazitäten in unmittelbarer Nähe vorhanden wären.

Das Problem zeigt sich vor allem dann, wenn sich Auftragsmengen ungleich verteilen. Während ein Zustellgebiet an einem Tag stark ausgelastet ist, kann eine angrenzende Tour noch ausreichend Zeit und Kapazität bieten. Bleiben die Gebietsgrenzen vollständig geschlossen, muss der zusätzliche Auftrag dennoch innerhalb seines ursprünglichen Bezirks eingeplant werden. Die Folge kann eine verlängerte Tour, ein zusätzlicher Fahrzeugeinsatz oder eine Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt sein. Aus Sicht des Gesamtnetzes wäre es häufig effizienter, einzelne Aufträge flexibel zwischen benachbarten Touren zu verteilen.

Überlappende Zustellgebiete schaffen dafür einen kontrollierten Handlungsspielraum. Sie lösen bestehende Strukturen nicht vollständig auf, sondern definieren Bereiche, in denen mehrere Fahrzeuge benachbarter Gebiete für die Ausführung eines Auftrags infrage kommen. Die Planung kann dadurch prüfen, welche Zuordnung unter Berücksichtigung von Fahrzeit, Auslastung, Zeitfenstern und weiteren Restriktionen den größten Vorteil bietet. Gleichzeitig bleiben feste Kerngebiete und betriebliche Zuständigkeiten erhalten.

Entscheidend ist dabei, Flexibilität nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Eine sinnvolle Gebietsplanung muss berücksichtigen, welche Überschneidungen operativ vertretbar sind, welche Kunden besondere Anforderungen stellen und wie stark sich Touren verändern dürfen, ohne Akzeptanz und Planbarkeit zu beeinträchtigen. Richtig eingesetzt, verbinden überlappende Gebiete die Stabilität fester Strukturen mit der Effizienz einer netzwerkweiten Tourenoptimierung.

Ein Ingenieur, der im Kontrollraum mehrere Computerbildschirme im Blick hat.

Das rechnerische Optimum reicht nicht

Auch eine rechnerisch optimale Tour ist nur dann sinnvoll, wenn sie zu den tatsächlichen Abläufen eines Unternehmens passt. In der Praxis gelten zahlreiche Vorgaben, die sich nicht allein aus Entfernungen, Fahrzeiten oder Fahrzeugkapazitäten ableiten lassen. Bestimmte Kunden müssen beispielsweise bevorzugt beliefert werden, einzelne Fahrzeuge dürfen nur für definierte Aufträge eingesetzt werden, Zufahrtsbeschränkungen schließen bestimmte Strecken aus oder interne Serviceversprechen verlangen eine feste Reihenfolge der Stopps. Solche Anforderungen sind kein Sonderfall, sondern fester Bestandteil der täglichen Disposition.

Die Herausforderung besteht darin, diese Geschäftsregeln nicht nachträglich auf einen bereits berechneten Tourenplan anzuwenden. Werden sie erst am Ende geprüft, müssen vermeintlich optimale Ergebnisse häufig manuell korrigiert werden. Dabei verändert jede Anpassung weitere Abhängigkeiten im Tourenverbund. Eine verschobene Lieferung kann nachgelagerte Zeitfenster gefährden, eine andere Fahrzeugzuordnung die Auslastung verändern oder eine priorisierte Anfahrt zusätzliche Fahrzeit verursachen. Was als kleine operative Korrektur beginnt, kann dadurch die Qualität der gesamten Planung beeinträchtigen.

Moderne Tourenplanung muss betriebliche Vorgaben deshalb bereits in die Berechnung einbeziehen. Dazu gehört auch, dass Unternehmen festlegen können, welche Ziele besonders stark gewichtet werden. Während in einem Netzwerk die Pünktlichkeit im Vordergrund steht, kann in einem anderen die Reduzierung der eingesetzten Fahrzeuge oder eine möglichst gleichmäßige Auslastung entscheidend sein. Auch Kosten- und Emissionsziele lassen sich nicht losgelöst von den jeweiligen Serviceanforderungen betrachten.

Eine gute Planung bildet daher nicht ein allgemeingültiges Optimum ab, sondern das Optimum unter den konkreten Bedingungen des jeweiligen Unternehmens. Erst wenn Geschäftsregeln, Prioritäten und operative Einschränkungen Teil des Modells sind, entsteht ein Tourenplan, der nicht nur mathematisch überzeugt, sondern auch von der Disposition umgesetzt werden kann.

Fazit: Gute Touren funktionieren erst auf der Straße

Die Qualität einer Tour entscheidet sich nicht allein anhand der gefahrenen Kilometer. Erst wenn Verkehrsverläufe, Lieferzeitfenster, Gebietsstrukturen, Fahrzeugkapazitäten und betriebliche Vorgaben gemeinsam berücksichtigt werden, entsteht eine Planung, die Kosten senkt und gleichzeitig verlässliche Abläufe ermöglicht. Gute Tourenplanung sucht daher nicht nach der kürzesten Strecke, sondern nach dem besten umsetzbaren Ergebnis für das gesamte Transportnetz. Sie muss Zielkonflikte transparent abbilden, betriebliche Regeln berücksichtigen und auch dann verlässliche Pläne liefern, wenn sich Aufträge, Verkehr oder verfügbare Ressourcen verändern.

Greenplan verbindet dafür historische und prognostizierte Verkehrsdaten mit konfigurierbaren Geschäftsregeln und mathematischen Optimierungsverfahren. Die Lösung unterstützt sowohl statische als auch dynamische Tourenplanung und berücksichtigt unter anderem überlappende Zustellgebiete sowie Anforderungen elektrischer Flotten. Dass dieser Ansatz auch im Markt wahrgenommen wird, zeigt die erneute Anerkennung durch Gartner: Die EPG wurde mit Greenplan im 2026 Gartner® Market Guide for Vehicle Routing and Scheduling als Repräsentativer Anbieter genannt. Der Report hebt unter anderem Fähigkeiten in der Gebietsplanung, im Geofencing, in der statischen und dynamischen Tourenplanung sowie im Dispatch hervor und bestätigt damit zentrale Stärken, auf die Greenplan in anspruchsvollen Transportumgebungen ausgerichtet ist.

Erfahren Sie mehr über Greenplan und laden Sie den Gartner Market Guide herunter.

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